Architektur und Baukultur

Ein Ganztagsangebot am Hans-Erlwein-Gymnasium, Dresden

Der „Neigungskurs Baukultur“ soll Schülern auf methodischen Wegen, die ihrem Alter angepasst sind, Grundkenntnisse auf den Gebieten der Architektur und des Städtebaus vermitteln. Im Ablauf des Unterrichtes werden dabei nicht nur wesentliche Themen aus der Geschichte des Bauens, sondern auch aus der Gegenwartsarchitektur und Moderne in einem ausgewogenen Gleichgewicht einbezogen.

Der Begriff „ Baukultur“ wird also in umfassender Weise vermittelt:  Baugeschichte und Gegenwartsarchitektur, werden nicht als Gegensatz behandelt, wie „alt und neu, gestern und heute“, sondern als ein kontinuierlich voranschreitender Prozess auf dem Gebiet des Bauens. Ein Gebäude, das heute neu errichtet wird, zählt morgen zum Bestand und kann übermorgen den Status eines Denkmals erlangen, wenn es eine entsprechende Qualität besitzt.

 

Die Schüler werden auf ganz konkrete und einfach zu erfassende Weise an diese Thematik herangeführt. Ausgangspunkt ist der eigene, tägliche Erlebnisraum, der sich mit dem Heranwachsen im Verlauf der Jahre auf immer größere Erfahrungsräume ausweitet. Ist es zunächst der Weg zwischen Elternhaus und Schule, so eröffnet sich der heranwachsende Jugendliche mit zunehmendem Alter schrittweise die ganze Stadt, in der er lebt. Der Unterricht orientiert sich in der Auswahl der Themen an diesem  Prozess. Er stellt sich zugleich auf die wachsende Befähigung des Schülers ein, sein Lebensumfeld zunehmend differenzierter wahrzunehmen und immer komplexere Lebenszusammenhänge zu begreifen.

 

Die Unterrichtsthemen:

1. Der  täglichen Schulweg:

Er  umfasst das Elternhaus, den Straßenraum, öffentliche oder private Verkehrsmittel und die Schule. Bei diesem Thema wird der Schüler dazu angehalten, auf die Vielfalt des Gebauten zu achten, der er täglich begegnet und die ihn umgibt. Er wird dazu angeregt, sich über die Funktionen der Bauwerke Gedanken zu machen und zu entdecken, dass sich die Gestalt der Gebäude aus der Aufgabe ableitet, für deren Erfüllung sie gebaut wurden. Auch wird er angeleitet, auf die unterschiedliche Beschaffenheit der Baugefüge zu achten und  ihre Formenmerkmale zu entdecken, die dann den stilgeschichtlichen Epochen zugeordnet werden, aus denen sie stammen. Er soll lernen, die öffentlichen Straßenräume und ihre verkehrstechnische Ausgestaltung zu betrachten. Auch wird er dazu angeregt, auf die Begrünung im öffentlichen Raum zu achten, sie zu identifizieren und über ihren Nutzen der nachzudenken. Da die Schule neben dem Elternhaus auf viele Jahre hin den wichtigsten Aufenthaltsort des Schülers bildet, gewissermaßen sein zweites „zu Hause“, so empfiehlt sich eine eingehende Beschäftigung mit dem eigenen Schulgebäude und seiner Geschichte. Das fördert die Bereitschaft, sich  mit diesem für die eigene Persönlichkeitsprägung so wichtigen Ort zu identifizieren und sich als Teil Schulgemeinschaft zu verstehen.

 

2. Die eigene Stadt:

Sie bildet die Heimat, das heißt den seelischen Ansiedlungsort des Heranwachsenden. Ein Besuch am großen Stadtmodell von Dresden im Rathaus bietet die Grundlage dafür, die eigene Stadt als Ganzes kennen zu lernen und zu begreifen. Die Schüler gehen an diesem Modell mit Begeisterung auf Entdeckungen. Hier werden die am heutigen Stadtkörper noch ablesbaren Entstehungsgründe und die entwicklungsgeschichtlichen Etappen angesprochen: so die besondere Lage an der Elbe, an der Kreuzung von zwei Handelswegen, nämlich eines Wasserweges und eines Landweges (Furt, später Brücke), die schrittweise städtebauliche Ausdehnung im Verlauf der Jahrhunderte, Dresdens Zerstörung und seine verschiedenen Wiederaufbauetappen. Die Beobachtungen am Modell gelten insbesondere auch dem Erkennen des historischen Stadtkerns im heutigen Stadtgefüge. Die wichtigsten Bauwerke der Stadt werden sodann im Einzelnen betrachtet. Die Schüler lernen, dass die Unterschiede der Gebäudegattungen und der Bauwerksformen sich zum einen aus ihren ganz unterschiedlichen Aufgabenstellung ergeben, für die sie errichtet wurden (Rathaus, Kirche , Bahnhof, Wohn- und Geschäftsgebäude, Krankenhäuser, gewerbliche Bauwerke, Parkanlagen und  Sportanlagen etc) und sie bemerken, dass die Form der Gebäude zum andern auch durch den unterschiedlichen Baustil geprägt wurde, der zu ihrer Entstehungszeit gebräuchlich war.

Die am Stadtmodell und im täglichen Erlebnisraum der wirklichen Stadt gewonnenen Kenntnisse und  Erfahrungen werden im Klassenzimmer mit geeigneten Unterrichtsmitteln vertieft. Die heimatlichen Bauformen und Bautechniken werden dann im Gesamtzusammenhang mit der europäischen Architekturentwicklung betrachtet, um etwas über ihre Herkunft und ihre Überlieferungswege zu erfahren.

Im Verlauf des Neigungskurses wird mit dem Schüler eine Technik des Betrachtens, Beobachtens und Verstehens eingeübt, die man als ein Lesen im „Buch der täglich erlebten Umwelt“ bezeichnen könnte. Sie befähigt den jungen Menschen, seine Umwelt im weiteren Verlauf seines Lebens stets mit offenem Blick zu erfassen und sein Wissen durch selbständiges, waches Beobachten weiter auszubauen. So angeleitet entwickelt er mit dem Ort seiner Herkunft eine tiefere Beziehung und es wird ihm leicht fallen, sich in einer neuen Umgebung schnell zurecht zu finden und mit ihr vertraut zu werden.

 

Der Neigungskurs Baukultur vermittelt zugleich auch Wertvorstellungen. Unter anderem wird ein Verständnis für die eigene Heimat geweckt, die er im Unterricht als untrennbaren Bestandteil eines vielfältigen gemeinsamen europäischen Kulturraumes begreifen lernt - ganz im Gegensatz zu einem Heimatbegriff früherer, ideologisch ausgerichteter Zeiten, der auf nationalistische Abgrenzung gegenüber allem Fremden hinwirkte.

An unserem baulichen Kulturgut können wir dem Schüler nämlich anschaulich darlegen, wie unsere Kulturlandschaften, unsere Dörfer, Orte oder Städte, aus denen wir kommen, nicht nur von den bereits ansässigen Einheimischen sondern auch von „hinzugezogenen Fremden“ weiterentwickelt und mitgeprägt wurden und wie diese mit den Beiträgen von Fremden zu dem geworden sind, was sie als Ort unserer Herkunft und Heimat auszeichnet.

Einige der wichtigsten und bekanntesten Bauwerke in Dresden wurden nicht von Dresdnern geschaffen, sondern von „Fremden“: so der Zwinger von Matthäus Daniel Pöppelmann (Westfalen), die Semper-Oper und die Gemäldegalerie von Gottried Semper (Hamburg), der Erlwein-Speicher und zahlreiche Schulen von Hans Erlwein (Bayern). Das trifft auch für andere Kunstgattungen zu, für die Malerei, die Musik, und das Kunsthandwerk. Der Goldschmied Johann Melchior Dinglinger kam nicht aus Sachsen, sondern aus Biberach in Schwaben.

 

 

Das kennen wir auch von anderen Städten. Wirklich vitale und kulturell weltweit bedeutende Städte haben von jeher „Fremde“ angezogen, die mit besonderen Leistungen zu ihrer Entwicklung und zu ihrem Ruf beigetragen haben. In Rom, dem Inbegriff von Stadt und Kultur, stammen die meisten der namhaften Bauwerke und der bedeutenden Kunstwerke nicht von Römern, sondern von „Hinzugezogenen“ oder „Hinzugerufenen“, also von „Nicht-Römern“.

Wesentliche Inhalte von Baukultur und Baugeschichte lassen sich so vermitteln, dass der Begriff der „Heimat“ mit einer Haltung von Aufgeschlossenheit und Toleranz verbunden werden kann. Mit einer Identität, die auf solchem Wissen heranwächst, gewinnen junge Menschen in der Gewissheit um den Wert ihrer Heimat jene Festigkeit, die erforderlich ist, um sich den Herausforderungen der Globalisierung gewachsen erweisen zu können.

 

Das gebaute Kulturgut, das uns in Dresden umgibt, bildet ein reichhaltiges Lese- und Lehrbuch, in dem zu „lesen“ sich lohnt, weil es eine reiche Quelle der hier angesprochenen Werte bietet, die geeignet sind, den Charakter eines Jugendlichen positiv zu formen.

Die Kursangebote des „Forums für Baukultur e. V.“ an den Schulen sollen dazu beitragen, die Allgemeinbildung auf dem Gebiet des Bauwesens zu verbessern.

 

Dr.-Ing. Sebastian Storz

Dresden, August 2017

Impressionen vom Tag der offenen Tür 16.01.2010