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Das Programm dieser Fahrt führte die Schüler an das multikulturelle Erbe der polnischen Gesellschaft heran. Um den Teilnehmern das Verständnis für die schwierige jüdische Thematik und das Phänomen der Multikulturalität Łódź´s und Warschau´s als Symbol für den polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung während des 2. Weltkrieges zu erleichtern, hatte Frau Hartmann-Wóycicka gemeinsam mit den Lehrerinnen Urszula Zubrzycka und Agnieszka Kulikowska noch vor der Fahrt eine Reihe von Vorbereitungstreffen organisiert.
In Łódź befassten wir uns mit der seit Jahrzehnten faszinierenden, multikulturellen Vergangenheit dieser Stadt. Diese Vergangenheit weckt besonders in der Gegenwart Interesse, in der die Stadt und ihre Bewohner zu der Identität zurückkehren, die ihren Ursprung im 19. und 20. Jahrhundert hat. Den Teilnehmern stellten sich viele Fragen, unter anderem, wie es möglich war, dass sich aus einem kleinen Städtchen, in dem im Jahre 1820 lediglich 767 Menschen lebten, eine der mächtigsten und am schnellsten wachsenden Industriemetropolen Osteuropas entwickelte? Wie kam es dazu, dass fast 100 Jahre später, kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, bereits 600.000 Menschen in Łódź lebten und arbeiteten?
Für diese Ausnahmestellung war nicht nur die gewaltige städtische und industrielle Entwicklung ausschlaggebend, sondern vor allem auch die ethnische Zusammensetzung seiner Einwohner. Polen, Juden, Deutsche und Russen haben den Wandel im materiellen, kulturellen, architektonischen oder religiösen Bereich unmittelbar beeinflusst. Besonders faszinierend und ungewöhnlich war die Koexistenz verschiedener Glaubensrichtungen. Noch bis 1939 beteten in Łódź Katholiken in ihren Kirchen, sangen Protestanten ihre Psalmen, traf man Russisch-Orthodoxe in ihren Kirchen und fromme Juden in ihren Synagogen und Gebetshäusern.
Doch nicht nur die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt und ihrer Einwohner war für die Teilnehmer der Studienreise ein Erlebnis. Im Rahmen der Workshops „Künstlerische Ausdrucksformen im Schulunterricht“, ausgerichtet durch das „Teatr Nowy im. Kazimierza Dejmka”, besuchten die Teilnehmer das Einpersonenstück „Belfer” und diskutierten danach mit der Regisseurin und Theaterpädagogin Anna Ciszowska über dessen Inhalt. Im Anschluss an seinen außergewöhnlichen Auftritt als „Belfer“ führte Marek Cichucki, Schauspieler und Autor des Stücks, Theaterworkshops mit modernen Formen des darstellenden Spiels durch. Sowohl das Theaterstück als auch die Workshops sind nur zu empfehlen! Dies sollte allerdings nicht der einzige Besuch im „Teatr Nowy“ während unseres kurzen Aufenthalts in Łódź gewesen sein. Auch am zweiten Abend wurde es spannend. Auf Einladung von Zdzisław Jaskuła, dem Direktor des „Teatr Nowy im. Kazimierza Dejmka w Łodzi”, besuchten wir das Theaterstück „Koło kwintowe” (Quintenzirkel), aufgeführt von Schauspielstudenten. Der bis auf den letzten Platz besetzte Saal reagierte lebhaft auf die Aktionen der Schauspieler. Der anschließende abendliche Spaziergang durch Łódź endete bei der „Manufaktura“, einem Projekt, in dem Geschichte und Zukunft mit neuer Qualität vereint werden und eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschaffen wird. Es handelt sich um eine Anknüpfung an die Bedeutung der Weberei für die dynamische Entwicklung der Stadt. Der einmalige Gebäudekomplex der ehemaligen Textilfabriken von Israel Kalmanowicz Poznański gehört mit dem angrenzenden Herrenhaus zu den vier wertvollsten Industriedenkmälern der Stadt Łódź und erfüllt gegenwärtig, nach der Revitalisierung, die Rolle eines modernen Begegnungszentrums. Hier befinden sich unter anderem mehrere Galerien, das „Teatr Mały“ und verschiedene Museen.
Łódż stellte sich als eine sehr interessante Stadt heraus, deren Multinationalität und Multikulturalität an jeder Ecke zu sehen ist. Wir besichtigten unter anderem den Plac Wolności, den zentralen Platz von Łódź, gelegen am nördlichen Ende der Ulica Piotrkowska. Der ehemalige Marktplatz der Stadt wurde nach der Erlangung der Unabhängigkeit Polens 1918 umbenannt in Plac Wolności (Freiheitsplatz) und 1930 wurde in seiner Mitte ein Denkmal von Tadeusz Kościuszko errichtet. Auf den Spuren der vier Kulturen Łódżs begegneten uns zahlreiche außergewöhnliche Orte und mit ihnen verbundene Geschichte(n). Der alte Marktplatz (Stary Rynek) und seine nächste Umgebung sind die Orte der ältesten Ansiedlung, von denen ausgehend sich das heutige Łódż entwickelt hat. Wir erfuhren von den harten Arbeitsbedingungen, die mit dem gewaltigen städtischen und industriellen Wachstum der Stadt einhergingen und von der ungewöhnlich angespannten Wohnungssituation, verursacht durch die Immigration zahlreicher Arbeiter. Łódź war besonders anziehend und wurde für Viele das sprichwörtliche „gelobte Land”, in welchem sogar Emigranten aus dem entfernten Rheinland und der Steiermark eine Möglichkeit zur Verbesserung ihrer damaligen Lebensverhältnisse sahen.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Stary Rynek liegt der Park Staromiejski (Altstadtpark), von den Łódżern umgangssprachlich auch Park Śledzia (Heringspark) genannt wird. Diese Bezeichnung geht sehr wahrscheinlich auf den Fischmarkt zurück, der sich bis vor dem 2. Weltkrieg an diesem Ort befunden hat und an dem Fässer mit Fischen in der Erde vergraben wurden. Eines der günstigsten Lebensmittel zur damaligen Zeit waren Heringe. Durch den „Heringspark” fliesst die Łódka, ein Fluss, der als Kanal unter der Erdoberfläche verläuft. Die Flüsse im Zentrum der Stadt verlaufen in der Mehrzahl in unterirdischen Kanälen, in denen unter anderem der Film „W ciemności“ (In Darkness) der Regisseurin Anieszka Holland gedreht wurde. Im Stadtviertel Stoki befindet sich ein Sammelbecken, welches nur während der Renovierung zugänglich ist, da es in der Regel unter Wasser steht. Dies ist eine außergewöhnliche Konstruktion aus der Vorkriegszeit, die in Łódż die „unterirdische Kathedrale“ genannt wird. Ebenso findet man in dem Park ein Denkmal von Moses, als Symbol der Versöhnung zwischen der polnischen und der jüdischen Bevölkerung. Das Denkmal wurde 1995 an dem Platz eröffnet, an dem zu vorheriger Zeit zwei Synagogen der jüdischen Gemeinde standen: Vor dem 2. Weltkrieg existierten in Łódż über 250 Synagogen und Gebetshäuser. Sämtliche Synagogen, bis auf eine an der Ulica Rewulucji, die als Salzlager genutzt wurde, sind durch die Nationalsozialisten zwischen November 1939 und der Mitte des Jahres 1940 gesprengt worden. Im Anschluss begaben wir uns auf das Gelände des ehemaligen Ghettos, welches im nördlichen, am meisten vernachlässigten Teil von Łódż (das heißt im Viertel Bałuty und in der Altstadt), errichtet wurde. Die deutschen Besatzer gaben der jüdischen Bevölkerung nicht einmal drei Monate für den Unzug in das neu errichtete Stadtviertel. Am 30. April 1940 wurden die Grenzen des Ghettos abgeriegelt. Das Ghetto von Litzmannstadt war das am dichtesten und besten überwachte Ghetto auf dem Gebiet des Generalgouvernements. Dies hatte tragische Konsequenzen für die Bewohner, denn der Schmuggel von Lebensmittel und Medikamenten wurde dadurch fast unmöglich. Wir hörten ebenso die Geschichte des finstersten Kapitels in der Geschichte des Ghettos, dem Zeitraum zwischen dem 3. und dem 12. September 1942, allgemein bekannt unter dem Begriff „szpera” (Sperre). Alle Kinder unter zehn Jahren, alle Kranken und nicht arbeitenden Personen (sogenannte „unbrauchbare Elemente”) sollten das Ghetto verlassen, da ihre weitere Unterhaltung keinen finanziellen Nutzen brächte. Die „Szpera” kostete über 15 500 Menschen das Leben. Sie starben in Kulmhof am Ner (Chełmnie nad Nerem) in speziellen Automobilen: fahrenden Gaskammern, deren Auspuffe die Abgase ins Innere leiteten.
Auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos fanden wir an der Ulica Bojowników Getta Warszawskiego 6a auch ein Graffitiporträt von Marek Edelman. Sein Schöpfer ist Dariusz Paczkowski.
Das Gelände des ehemaligen Ghettos und die Altstadt von Łódż sind besondere Orte, deren Besichtigung zu einem Besuch in Łódż dazu gehört.
Vorletzte Station unseres Rundgangs durch Łódż war das Museum des Kanals „Dętka” (Schlauch), welches 2008 eröffnet wurde. Das Museum befindet sich unter dem Plac Wolności, in einem historischen, ovalen Sammelbecken für Regenwasser aus dem Jahr 1926. Das Sammelbecken war Teil der Kanalisation und das gesammelte Regenwasser diente zur Reinigung der Abwasserkanäle im Stadtzentrum.
Nach der Besichtigung des bekannten „Schlauches“ folgten wir der Ulica Piotrkowska. Sie ist nicht nur eine repräsentative Straße der Stadt, sondern mit ca. 4,2 km gleichzeitig die längste Einkaufsstraße Europas. Nach dem 2. Weltkrieg verfiel sie zusehends. Seit 1990 wird sie stückweise renoviert und in eine Promenade umgewandelt, die größtenteils dieselbe Funktion hat wie in anderen Städten die Marktplätze der Altstadt.
Noch am selben Tag machten wir uns auf den Weg zum Begegnungszentrum „Marek Edelman”, um an weiteren spannenden Workshops teilzunehmen. Das Begegnungszentrum „Marek Edelman” ist eine offene, politik- und parteiübergreifende Kultureinrichtung. Hier werden hauptsächlich Bildungs- Forschungs- und Kulturprojekte mit dem Ziel durchgeführt, Kulturgut verschiedener Kulturen zu verbreiten, das multikulturelle und multiethnische Erbe Łódżs bekannt zu machen und dabei insbesondere die jüdische Kultur zu berücksichtigen. Gleichzeitig wird der Gedanke der Toleranz verbreitet und gegen Anzeichen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit dem Mangel von Respekt gegenüber Menschen anderer Weltanschauung, Herkunft und Kultur gearbeitet. Nach einem Treffen mt der Direktorin des Zentrums, Joanna Podolska-Płocka, führten die Mitarbeiter des Zentrums für uns einen Workshop, zum Leben und Werk Jan Karskis durch. Zum Abschluss besuchten wir die Ausstellung "Karski. Nie dać światu zapomnieć" (Karski. Erlaubt der Welt nicht, zu vergessen), die vor kurzem vom polnischen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski eröffnet wurde. Der Besuch des Begegnungszentrums und die Workshops hinterließen bei den Teilnehmern einen bleibenden Eindruck. Eine Besichtigung des Zentrums sollte sich im Programm einer jeden Studienfahrt nach Łódż finden.