„Fragt uns, wir sind die letzten...“

Im Zeitzeugengespräch mit Henriette Kretz

Für das Gewi-Profil der Klassenstufe 9 und die Klasse 10/3 konnte am 08.11.19 eine denkwürdige Geschichtsstunde in der Aula organisiert werden. Die 85-jährige Henriette Kretz aus dem belgischen Antwerpen besuchte die Schülerinnen und Schüler.

Als eine der letzten Überlebenden des Holocaust, berichtete Frau Kretz in einem emotionalen Vortrag aus ihrer Kindheit, vom Verlust ihrer Familie und ihrem persönlichen, tief bewegenden Überlebenskampf während der Zeit des Nationalsozialismus.

Henriette Kretz wurde 1934 als einziges Kind eines jüdischen Kinderarztes in Lemberg (heute Ukraine) geboren. Mit dem Einmarsch der Deutschen 1941 in die damaligen sowjetischen Gebiete, begann für die jüdische Familie der Kampf ums Überleben. Zunächst kamen sie in das Ghetto von Sambor. Der Vater konnte das 6 1/2-jährige Mädchen bei einer Familie verstecken. Das Versteck wurde jedoch verraten. Henriette kam in ein Gefängnis und sollte nach Auschwitz deportiert werden. Der Vater konnte sie aus dem Gefängnis freikaufen und die Familie landete wieder im Ghetto. Später fanden die Eltern ein neues Versteck bei einem Feuerwehrmann. Wieder wurden sie verraten und verhaftet. Die Eltern weigerten sich zurück ins Gefängnis zu gehen und wurden von den Nazis erschossen, während Henriette unter dem Rufen des Vaters weglaufen und sich verstecken konnte. Durch die ärztliche Tätigkeit ihres Vaters und seine Kontakte fand sie Zuflucht in einem katholischen Waisenhaus, wo sie bis zum Kriegsende versteckt werden konnte. Wie durch ein Wunder fand sie dort ihr Onkel, der einzige weitere Holocaust-Überlebende der großen Familie Kretz, und ging mit ihr nach Antwerpen. Nach dem Krieg wurde sie Lehrerin, heiratete einen russischen Juden und ging für 13 Jahre nach Israel. Henriette Kretz hat zwei Söhne und lebt wieder in Antwerpen.

Heute geht Henriette Kretz oft in Schulklassen und steht den jungen Leuten Rede und Antwort. Sie möchte durch Ihr Engagement verhindern, dass sich der Holocaust wiederholt und hofft, dass ihr schweres Schicksal durch ihre Berichte zumindest einen tieferen Sinn hatte.

Frau Kretz rührte mit ihrer Geschichte viele der anwesenden Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrer zu Tränen. Sie fand jedoch auch die richtigen Worte um Mut zu machen, sich in allen Lebenslagen nie unterkriegen zu lassen, Zivilcourage zu zeigen und für demokratische Werte einzustehen.

Wir danken Frau Kretz von ganzem Herzen, dass sie trotz ihres hohen Alters den weiten Weg auf sich genommen und uns so offen von ihrem Schicksal berichtet hat. Zustande gekommen ist dieser Besuch durch die Zusammenarbeit mit dem Maximilian-Kolbe-Werk und das ehrenamtliche Engagement von Frau Christa Müller, der wir ebenfalls sehr herzlich danken möchten.

Anja Pietschmann
FKL Geschichte

 

 

Einige Schülerinnen und Schüler der Klasse 10/3 haben ihre Gedanken nach dem Zeitzeugengespräch niedergelegt:

 

Dieses Projekt müsste viel öfter gemacht werden, damit mehr Menschen einen Einblick in die Vergangenheit der jüdischen Menschen bekommen. Nur so bekommt man eine Vorstellung, wie sich die Betroffenen gefühlt haben müssen und man kann Fragen loswerden, die einen bedrücken.“

 

Ich erweise dieser Frau meinen allerhöchsten Respekt.“

 

Mir hat das Gespräch sehr gut gefallen, da sie nicht nur ausschließlich geredet hat, sondern auch persönliche Fotos gezeigt wurden und wir Fragen stellen konnten. Ich finde es erstaunlich, wie man nach so einem schrecklichen Erlebnis noch davon erzählen kann.“

 

Am meisten beschäftigt mich dennoch die Frage, ob wir Menschen wirklich etwas daraus gelernt haben und ob das wirklich genug ist?“

 

Ich habe großen Respekt vor Frau Kretz, da sie mit dieser Vergangenheit weiterleben mussten und unserer Generation – auch als Deutsche – so offen darüber erzählt. Sie hat mit mitgegeben weiterzukämpfen, egal ob man alleine ist oder nicht!“

 

Ich denke, wir sollten diese Geschehnisse nie vergessen!“

 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Leben führen und genießen kann. Wir denken nicht oft darüber nach, was für ein erfülltes Leben wie eigentlich haben […] und wie weit wir uns entfalten können. Ich muss mir keine Sorgen um meine Sicherheit, mein Haus, um Essen und um Eltern machen, die mich lieben und sich um mich kümmern.“