Schulchronik

Am 10. Oktober 2012 beging die 61. Grundschule in Rochwitz ein besonderes Jubiläum – sie wurde 130 Jahre alt. Das sollte ein besonderer Festtag werden.

Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Frau Rogalla, sprach die Ortsamtsleiterin, Frau Günter, über
die Entwicklung der Schule von einer 2klassigen Volksschule 1882 mit nur einem Schulzimmer, über das starke Anwachsen der Kinderzahl und der damit verbunden Erweiterung des Schulgebäudes. Durch das Entstehen des Ortsteils Kamerun wurde die Schule 1894 auf 4klassigen Unterricht erweitert. Ein weiterer Anbau erfolgte 1900 mit 6klassigem Unterricht, 1903 sogar 8klassige Schule mit nunmehr 240 Schülern.
Es wurden wesentliche Stationen aus dem Schulleben (Namensgebung Heinrich Schütz) dargelegt, die Zusammenarbeit Schule und Hort gewürdigt und auch darauf hingewiesen, dass noch heute bauliche Veränderungen erforderlich sind: das Anbringen der Feuerschutztreppe für die Sicherheit der Kinder und
für die Aufnahme weiterer Schulkinder werden im Frühjahr 2 Container für zusätzlichen Schulbetrieb aufgestellt.
Als Geschenk wurden der Schule Büchergutscheine überreicht.
Die Ungeduld der Kinder war kaum zu bremsen. Sie standen gemeinsam mit vielen Gästen, Eltern und ehemaligen Schülern auf dem Hof und wollten Luftballons steigen lassen. Mit Helium gefüllt und mit kleinen Zetteln versehen, sollten sie die Nachricht des Schuljubiläums mit „Windeseile“ verbreiten.
Auf dem Schulhof war ein Festzelt aufgebaut. Hier wurden viele Gespräche geführt, dabei Kaffee und Kuchen oder Bratwurst verzehrt. An der Feuerschale konnten die Kinder Knüppelkuchen backen. Viele Eltern, der Bäcker aus Rochwitz, der Siedlerverein Oberrochwitz e.V. trugen zum Gelingen bei.
Die Kinder der 4. Klasse hatten sich etwas Besonderes ausgedacht: Sie boten Führungen durch ihr Schulhaus an. Sie hatten eine Ausstellung mit alten Schulmaterialien vorbereitet, zeigten die alte Schriftform und wer wollte, konnte mit Feder und Tinte schreiben üben.
Schon Tage vor dem Fest kam der Ortschronist Karl Richter in die Klassenräume, erzählte aus der Geschichte der 61. Volksschule und zeigte anhand von historischen Bildern, wie früher der Unterricht abgehalten wurde. So waren alle Kinder fantastisch vorbereitet und überraschten die Erwachsene bei
den Führungen mit ihrem Wissen. Im Klassenraum hingen selbst gemalte Bilder vom früheren Aussehen des Schulgebäudes. Zusätzlich hatten die
Kinder eine Aufführung „Ophelia“ vorbereitet.
Im Nebenraum war eine Ausstellung über 130 Jahre Schule in Rochwitz zu sehen, zu erleben und anzufassen.

Originalhandschriften von 1890 vom Lehrer Schneider, der maßgeblich die Entwicklung der Schule und auch des Ortes Oberrochwitz beeinflusste, waren zu sehen, Dokumente von „öffentlichen Schulprüfungen“, Märchenaufführungen sowie Berichte aus alten Schulakten.


Aber auch historische Arbeitsmittel, wie der zerlegbare Mensch mit seinen Organen, ein alter Globus, Filmapparate, oder Tagebücher von Arbeitsgemeinschaften 1984 und zahlreiche Fotografien waren zu
sehen. Diese Tische waren von jung und alt heiß umlagert.

Diese Ausstellung wurde von den Mitgliedern der „Rochwitzer Runde“ Marlis Behrisch und Rolf Gäbel gestaltet. Es wurde weiterhin eine Schulchronik anhand von Recherchen im Stadtarchiv, Unterlagen der 61. Grundschule und Zeitzeugenberichte erarbeitet und in repräsentativer Buchform vorgestellt.
Ein Kapitel aus dieser Chronik befasst sich mit der Schuluhr, die sich seit 2012 wieder mit Glockenschlag Gehör verschafft. Die Instandsetzung der Schuluhr erfolgt in Eigeninitiative durch Jan Burgemeister.


Die Schuluhr - Aktivitäten aus der Neuzeit - Die Schuluhr



Oberlehrer Max Schneider zum Bau der Schuluhr im Jahre 1894:


„Gleichzeitig gelang dem Leiter der Schule, einen großen örtlichen Übelstand zu beseitigen. Bisher war es hier vor Ort eine besondere Schwierigkeit, die Kinder pünktlich in die Schule zu bekommen, da nur selten einmal - die Bühlauer Kirche existierte ja noch nicht - aus der Ferne ein Glockenschlag sich nach Rochwitz verirrte, und im Übrigen: „Unsere Uhr ging falsch!“ Nun bekam die Schule eine Turmuhr. Der Schulvorstand wollte zunächst von solchem Luxus nichts wissen, da veranstalteten die Lehrer eine Haussammlung, die 75 % der Kosten ergab und - man sagte Ja, nachdem der Lehrer auf die Frage: „Wer wird sie aber pflegen?“ - auch noch versprochen hatte, dies auf Amtszeit zu tun.“


Das etwa 1894 vom Meißner Uhrmacher Hummel gebaute Uhrwerk befindet sich heute noch weitgehend im Originalzustand.
Im Zuge der Renovierung der Schule um 1983 wurde es nach längerem Stillstand in privater Initiative wieder instandgesetzt und lief bis Anfang der 90er Jahre.
Seither vermissten die Rochwitzer seinen halbstündlichen Glockenschlag.

Seit 2011 ist - wieder in Eigeninitiative - eine erneute Reparatur im Gange. Da die Seillängen der Uhrengewichte nur eine Gangreserve von 1 bis 2 Tagen erlauben, wird jetzt ein elektrischer Aufzugantrieb nachgerüstet. Bereits seit Mitte 2012 ist der Glockenschlag wieder zu hören. Für Ganggenauigkeit und nächtliche Ruhe sorgt nun eine elektronische Steuerung.


Es war bereits 19.00 Uhr, als die letzten Eltern das Schulhaus verließen.
Alle sprachen von einem gelungenen Fest.
Bereits zum 50jährigen Schuljubiläum hielt der Oberlehrer, später Schuldirektor MaxSchneider, eine Festrede. In diesen Unterlagen, die uns im Originaltext vorliegen, kann man nachlesen, wie er als junger Mann bei seiner Ankunft den Ort Rochwitz und seine Schulkinder erlebt hat.
Max Schneider prägte nicht nur das Schulwesen, sondern engagierte sich maßgeblich für die Belange und das Wohl der Rochwitzer Einwohner. Interessant ist, dass er auch einen Ortsverein gründete und so viele Aktivitäten ins Leben rief.
Da Rochwitz bis zur Eingemeindung ein fast vergessenes Dorf war, aber trotzdem eine sehr interessante Geschichte aufzuweisen hat, ist es unser Anliegen, darüber zu berichten.
Fangen wir an mit dem Bericht „Wie der Oberlehrer Schneider 1889 nach Rochwitz zog“: Und Rochwitz? Lassen Sie mich erzählen von diesem vergessenen Dörflein im Kreise der Vororte Dresdens.
Ich selbst kannte einen Ort dieses Namens überhaupt nicht, obgleich ich als geborener Dresdner mit meinen Eltern auf Ausflügen in die Umgebung der sächsischen Hauptstadt alle anderen Orte kennen gelernt hatte.
Das Dörflein schlief hinter Hecken und Wald in stiller Einsamkeit, wie es seit Jahrhunderten einen wahren “Dornröschenschlummer“ gehalten hatte. Um 1889 hatte Rochwitz noch keinen Hundertmeter – „gebauter
Straßen und Fußwege.“ Feldwege, durch Obstbäume oder Raine markiert, waren den Einwohnern „Zugangsstraßen“ zu ihren Gütern und Häusern. Bei trockenem Wetter genügten diese Verkehrswege wie die gebauten Straßen und Wege anderer Ortschaften. Aber bei nassem Wetter?! Das hieß: Daheimbleiben oder den Kampf mit dem Schmutze aufnehmen (wie man das im Kino von Rußland sieht).
Als ich am 3. März 1889 in Rochwitz einzog – von den Schulvorständen festlich eingeholt -, erlebte ich folgendes:
Die Schulvorstände hatten den bescheidenen Hausrat ihres neuen Lehrers eigenhändig in einen kleinen
Möbelwagen untergebracht und begannen den Umzug von Weißig nach Rochwitz. Fahrt und Marsch nahmen den Weg über die Gönnsdorfer Höhe an der damals noch in Betrieb befindlichen Windmühle (an ihrer Stelle steht heute der Gönnsdorfer Turm) vorüber nach der Quohrener Straße – ohne jede Schwierigkeit.
Aber kaum hundert Meter auf dem „Leichenweg“ (volkstümlicher Name jener Zeit) nach Rochwitz zu begann das Schlammgebiet sein russisches Gepräge zu zeigen: Unser Möbelwagen versank bis an die Achsen im Schlamm und blieb unbewegbar stehen. Nach mancherlei ernsten oder in heiterem „Galgenhumor“ geäußerten Reden gelang es, einen von fernher kommenden Brotwagenkutscher zur Hilfeleistung herbei zurufen. Mit Vorspannung, den Wagen bald vor bald rückwärts, bald im Trabe hin und her bewegend kam man endlich über den schlimmsten Sumpf dieser „Straße“ hinweg, und ich bekam
den ersten Begriff von den Rochwitzer Straßen- und Wegeverhältnissen, die seit Jahrhunderten der Bevölkerung für den Verkehr genügt hatten.
An der Rochwitzer Schule angekommen, empfing mich der Kinderchor mit dem Liede:
„Harre meine Seele …“
Wollte man Rochwitz in der Richtung nach Dresden verlassen, so mußte man den Wald – das
Rochwitzer Tännicht – durchqueren und, nach Baumgruppen sich richtend, dem Ziele zustreben, denn
Wege und Straßen gab es in diesem Walde nicht. Nur einzelne Fahrgleise im Sandboden verrieten, daß
man Sand, Holz aus dem Tännicht abgefahren hatte. Bei Eintritt der Dunkelheit hieß es, eine Handlaterne
als Führerin durch den Wald leuchten zu lassen, wollte man sein Ziel erreichen.
Obgleich dieser Zustand beinahe unerträglich war, hatte sich noch niemand gefunden, der auf den Bau
einer Waldstraße drang, weil Rochwitz – wie die Alten sagten – die ärmste Gemeinde in der Umgebung
Dresdens sei, die kein Geld für Straßenbau habe. Den Grund solcher Armut galt es zu erforschen.
In den ersten Jahren meines Rochwitzer Wirkens war es mir nicht möglich, mich um gemeindepolitische Verhältnisse zu kümmern. Der Dienst an der zweiklassigen Landschule, in welcher jede der beiden Klassen die Kinder von vier Jahrgängen zu betreuen hatte, forderte eine Einarbeitung, die es nicht
erlaubte, auch außerhalb der Schule der Gemeinde zu dienen, ins besondere in der Beseitigung von Rückständigkeit, die seit Jahrhunderten jeden Fortschritt hemmten in der Angst, Geld ausgeben zu müssen.
Im Stillen suchte ich zu erforschen, wer an einem Straßenbau durch den Rochwitzer Wald verpflichtet sein könnte. Das Ergebnis war:
Die gesamten ca. ¾ km messene Straßenstrecke fiel mit
400 Längenmeter auf den Forst
250 m auf die Gemeinde Loschwitz
135 m auf die Gemeinde Rochwitz.
In privaten Besprechungen mit dem Oberforstmeister in Dresden, – mit drei Gemeinderatsmitgliedern in Loschwitz ergaben die Bereitwilligkeit für das Eintreten für den Bau einer Waldstraße zwischen Rochwitz und Loschwitz. Nun war der Zweitpunkt für das Aufrütteln des Gemeinderatskollegiums gegeben:
Der Gemeinderat von Rochwitz bekam eine ernste Petition von seiten eines großen Teils der Rochwitzer Gemeindemitglieder und mußte darüber verhandeln. Stark hoffte man im Gemeinderatskollegium auf die Ablehnung der Hauptbeteiligten mit ca. 650 m Strecke und ließ die Petition vervielfältigen und schickte dieselbe an den Loschwitzer Gemeinderat und die Oberforstmeisterei Dresden zur Gegenäußerung ein und – bekam den Bescheid:
Wir begrüßen das Vorhaben der Gemeinde Rochwitz und werden unseren Teil des Straßenbaues auf uns nehmen … u.s.w.
Da bekam Rochwitz seine erste ordnungsgemäß gebaute Straße, wie sie die Nachbargemeinden schon seit Jahrzehnten und Jahrhunderten besaßen.
„Aber“ – ein folgenschweres „Aber“ entwickelte sich in der Gemeinde Rochwitz:
Die Freude über die erste schöne Straße erweckte den Wunsch, für die fuhrwerkbesitzende Gemeinde den sogenannten Lehmweg: von Oberrochwitz nach dem Loschwitzgrund ausgebaut als neue Straße zu sehen. Mit der ersten, der Waldstraße - heute ein Teil der Krügerstraße, war eine Freude an fertigen,
fachmäßig erbauten Straßen erweckt, die nicht zu unterdrücken war.
Der Voranschlag für den Ausbau des „Lehmweges“ lief – von verschiedenen Unternehmern eingesandt – mit Endsummen ein, die dem Gemeinderat unerschwinglich schienen. Darum ward von diesem an die Amts-und Kreishauptmannschaft ein Bittgesuch um eine höher als übliche Straßenbaubeihilfe nachgesucht, weil die Gemeinde besonders arm und „der Bau überaus notwendig sei.“
Die behördlichen Stellen verlangten nun die Einsendung der Gemeindesteuererträgnisse in den vergangenen drei Jahren, um daraus die Steuerkraft der Gemeinde errechnen zu können.
Und das Ergebnis war:
Die Behörden brachten in Erfahrung, daß in der Gemeinde Rochwitz seit Jahrhunderten eine Kopfsteuer erhoben worden war, worauf die Einwohner nur nach ihrer Kopfzahl - ohne Rücksicht auf Eigentum und Einkommen - besteuert wurden, ein Verfahren, das in anderen Gemeinden schon seit hundert und mehr
Jahren abgelöst war, denn jede unvorhergesehene Ausgabe einer solchen Gemeinde mußte die Finanzlage erschüttern und die Gemeinde in Verlegenheit bringen.
In den Köpfen der ältesten Einwohner spukte noch eine von Generation zu Generation weiter erzählte Legende vom „Golddörfl Rochwitz“:
„Als Rochwitz noch das Golddörfl hieß, weil es gar keine Gemeindesteuern erhob, waren (-- so erzählte ein in hohem Alter stehender weißhaariger Bauer um 1890) -- die Rochwitzer noch reich und zwar bis 1706 zur Zeit des Friedensschlusses zu Alt-Ranstädt. Seit dieser Zeit gehörte der Rochwitzer Wald der „Kommune“ Rochwitz. Was Sand, Holz und Waldstreu als Handelsartikel erbrachten, war so viel an Geld, als man in der Kommune bedurfte.
Da kam der Schweden-Russen-Sachsenkrieg mit dem Frieden zu Alt-Ranstädt, der der Gemeinde Rochwitz eine Kriegskontributationszahlung von 500 Talern auferlegte. Diese Summe „konnte“ die Bauerngemeinde nicht aufbringen und – verpfändete ihren Wald auf hundert Jahre an den sächsischen Staat, und die Rochwitzer Bauern „konnten“ den Wald nach 100 Jahren auch nicht einlösen und – verloren das „Rochwitzer Tännicht“ auf alle Zeit an den sächsischen Staat.“
Marlis Behrisch und Rolf Gäbel
Mitglieder der Rochwitzer Runde

In der Mitte Oberlehrer Schneider mit Kollegen beim Sonntagsbier
Foto: Sammlung Karl Richter